Die Angst vor dem weißen Blatt


SS 2019

Studierende

Camille Gergen


Studiengänge

Kommunikationsdesign


Projektart

Diplom

Camille Gergen: Die Angst vor dem weißen Blatt, Diplom 2019, Detail aus dem Buch

„Ich liebe es, mich neuen Herausforderung zu stellen, vor allem solchen, die mir Angst machen.“

Angst kann in mir ein Gefühl der Unsicherheit hervorrufen: Ich bleibe stehen, erstarre, kehre um oder wage gar nicht erst den Versuch auf sie zu zu gehen. Mein Diplom behandelt keine Angst im klassischen Sinne, vielmehr geht es um Vermeidung, darum etwas nicht anzupacken, aus Angst vorm „Scheitern“ oder aus fehlender Disziplin. Scheitern ist Teil des Lebens und Disziplin kann man sich antrainieren.

In meiner Diplomarbeit wagte ich den Selbstversuch. Ich nahm mir vor über die Dauer eines Jahres, jeden Tag mit Pastellkreide mindestens ein Bild im Format DIN A3 zu zeichnen. Mit Pastellkreide hatte ich bis dahin wenig Erfahrung, und die Disziplin, etwas tatsächlich 365 Tage am Stück durchzuhalten, hatte ich vorher auch noch nie aufgebracht. Zeichnen war seit meiner Kindheit immer schon ein großer Bestandteil meines Lebens, doch irgendwann verstaubten die Stifte und Blöcke in meinem Regal, denn es gab noch viel mehr zu entdecken. Erst das Thema Graffiti weckte Jahre später wieder einen Impuls in mir zum Zeichnen. Meine Zeichnungen sicherten mir später den Zugang zu einem Studium an der HBKsaar. Dort angekommen vernachlässigte ich das Zeichnen wieder und beschäftigte mich mit neuen Medien und Techniken. Als Mensch, der sich gerne kreativ ausdrückt, kann man nie genug zeichnen . Also griff ich dieses Thema für mein Diplom wieder auf und verband es mit einem Konzept, bei dem ich meine Disziplin steigern konnte und meinem Alltag eine neue Herausforderung bescherte. Bei meinen Zeichnungen verarbeitete ich alltägliche Erlebnisse und Gedanken. Dabei wartete ich auf einen Impuls, der mich im Laufe des Tages zu meinem Zeichentisch zog. Die Zeichnungen sollten nie länger als 10 Minuten dauern, da ich es für angemessen und umsetzbar hielt, diese Zeit jeden Tag aufzubringen. An den meisten Tagen machte es Spaß, doch an manchen Tagen war das Zeichnen wie ein unerwünschter Besucher, der von meinem Alltag gerne verdrängt worden wäre.

Gegen Ende meines Diploms stellte ich mir die Frage nach dem Zweck des „Alltags“. Welche Bedeutung hat das tägliche Wiederholen gewohnter Muster? Und warum ist es so schwer, etwas Neues in meinen Alltag zu integrieren? Um diesen Antworten näher zu kommen und zu wissen, was andere vom Konzept des Alltags halten, stellte ich jedem Menschen der mir begegnete oder den ich erreichen konnte die Frage: „Was ist Alltag für Dich?“ Die Frage wollte ich bewusst nüchtern halten, um keine Wertung oder Richtung vorzugeben. Ich hatte mir vorgenommen so viele Antworten zu erhalten wie es Tage gab, an denen ich zeichnete: Dreihundertfünfundsechzig.

Ich gestaltete danach ein Buch, in dem ich meine Tageszeichnungen zeigen konnte und sie nach dem Zufallsprinzip, der Antwort eines Mitmenschen zum Thema „Alltag“, gegenüberstellte. So entstanden neue Verbindungen und unvorhersehbare Kombinationen. Da mir die Möglichkeit gegeben wurde, in der alten französischen Botschaft, dem Pingusson-Gebäude, mein Diplom zu präsentieren, hatte ich genügend Platz, um alle Zeichnungen, die in diesem Jahr entstanden sind, zu zeigen.

„Als Künstler muss man irgendwann erkennen, wer man ist und das funktioniert am besten in der täglichen Auseinandersetzung mit sich selbst.“